Die resistente Industrie

Von Dirk Böttcher, Ingo Eggert und Björn Richter

Wie kann es sein, dass sich eines der wichtigsten Medikamente für die Pharma-Industrie nicht rechnet? Warum versagt bei Antibiotika die Logik der Ökonomie? Und wie löst man das Dilemma, das zur Bedrohung für die gesamte Menschheit wird?

Zunahme von resistenten Erregern in Krankenhäusern

Quelle: Healthline

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Neunzigerjahre:

10 bis 15 Prozent

nach 2010:

bis zu 60 Prozent

Die Zahl resistenter Bakterienstämme steigt weltweit. Die Gesundheitsminister der G7-Staaten sprachen beim jüngsten Treffen im Oktober in Deutschland von einer „zunehmenden globalen Bedrohung“ für die Gesundheit von Mensch und Tier, die Funktion der nationalen Gesundheitssysteme und damit für Volkswirtschaften.

Die Kosten

Quelle: OECD, AMR Review

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10.000 bis 40.000 $

Jährliche Extrakosten für die Behandlung einer durch multiresistente Keime ausgelösten Infektion

20.000.000.000 $

Jährliche Kosten im Gesundheitssystem der USA durch Antibiotika-Resistenzen

Bereits Ende dieses Jahrzehnts könnten multiresistente Erreger einen Rückgang der globalen Wirtschaftsleistung von 0,03 Prozent verursachen. Die Ärzte benötigen dringend neue Antibiotika. Doch die Pharma-Unternehmen entwickeln immer weniger.

Zahl der neuen Antibiotika

Quelle: Verband Forschender Arzneimittelhersteller

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Markteinführungen in Deutschland zwischen 1981 und 1990: 20

Markteinführungen in Deutschland zwischen 1991 und 2000: 22

Markteinführungen in Deutschland zwischen 2001 und 2010: 8

Markteinführungen von Antibiotika in Deutschland seit 2011: 6

Seit 2011 kamen sechs neue Antibiotika auf den Markt. Der Verband der forschenden Pharmaunternehmen schätzt, dass es bis 2020 insgesamt 14 neue Antibiotika sein werden. Allerdings sind die wenigsten der neu zugelassenen Arzneien echte Neuentwicklungen, meist handelt es sich um bekannte Wirkstoffe, die neu kombiniert oder optimiert wurden. Für bestimmte multiresistente Erreger entstanden dadurch Schwachstellen in der Behandlung mit den vorhandenen Antibiotika, für die die Pharma-Unternehmen kurzfristig kaum Ersatz haben. Die Forschung an anderen Medikamenten ist für die Konzerne oft lukrativer.

Weltweiter Arzneimittelumsatz mit antibakteriellen-, onkologischen Mittel und Antidiabetika

Quelle: EvaluatePharma

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2014

2020

Weltweiter Arzneimittelumsatz mit antibakteriellen Mitteln, in Milliarden Dollar: 13,4

Geschätzter weltweiter Arzneimittelumsatz mit antibakteriellen Mitteln, in Milliarden Dollar: 14,5

Weltweiter Arzneimittelumsatz mit onkologischen Mitteln, in Milliarden Dollar: 79,2

Geschätzter weltweiter Arzneimittelumsatz mit onkologischen Mitteln, in Milliarden Dollar: 153,1

Weltweiter Arzneimittelumsatz mit Antidiabetika, in Milliarden Dollar: 41,6

Geschätzter weltweiter Arzneimittelumsatz mit Antidiabetika, in Milliarden Dollar: 60,5

Ein klassischer Fall von Marktversagen. Politiker, Unternehmer und Wissenschaftler diskutieren nun, wie sich das Problem lösen ließe. Unternehmen sollen Anreize für ein im Vergleich weniger lukratives Geschäft erhalten, und es muss darüber nachgedacht werden, wie die Konzerne Profite trotz schrumpfender Umsätze erwirtschaften können. Schließlich sollten Antibiotika möglichst wenig eingesetzt werden, einige würden die Ärzte am liebsten so lange wie möglich als Reserve aufsparen. Wissenschaftler vermuten, dass sich unsere Lebenserwartung ohne wirksame Antibiotika halbieren könnte.

Anteil der E.coli-Infektionen in der Universitätsklinik von Amman, die mit dem Antibiotikum Ceftriaxon behandelbar waren

Quelle: The Atlantic

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70 bis 80 %

Im Jahr 2000

37 %

Im Jahr 2015

Jordanien ist das Hauptreiseziel für Patienten aus anderen Ländern des Nahen Ostens. Die dortigen Ärzte berichten, dass sich Antibiotika-Resistenzen häufen wie nie zuvor. Eine Ursache dieses Anstiegs: Antibiotika erhält man wie überall im Land ohne Verschreibung in der Apotheke. Ein weiterer Grund ist der Krieg: Im Nachbarland Syrien waren 2014 60 Prozent aller Krankenhäuser zerstört, und auch das Gesundheitssystem im Irak ist desolat. Aus diesen beiden Kriegsgebieten kommen viele Patienten nach Jordanien. Da Ceftriaxon nicht mehr wirkt, steigen jordanische Ärzte auf Imipenem um. In Europa ist es eines der letzten Reserve-Antibiotika. Die sechswöchige Therapie kostet in Jordanien bis zu 3000 Dollar.

Tödliches Risiko

Quellen: Bundesministerium für Gesundheit, Der Spiegel, Wired

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Todesfälle pro Jahr in Deutschland durch multiresistente bakterielle Infektionen: 6.000

Todesfälle pro Jahr in Europa durch multiresistente bakterielle Infektionen: 25.000

Todesfälle pro Jahr weltweit durch multiresistente bakterielle Infektionen: 700.000

Geschätzte Todesfälle weltweit pro Jahr ab 2050, bliebe die Entwicklung neuer Antibiotika aus: 10.000.000

Vertreter der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene (DGKH) vermuten sogar noch viel mehr Todesfälle in Deutschland. Ihre Schätzungen gehen von circa 30.000 Toten durch multiresistente Erreger aus.

Der Wettlauf der Evolution

Im Permafrostboden von Alaska wurden Mikroorganismen gefunden, die Resistenzen gegen mehrere heute bekannte Antibiotika aufwiesen. Die Bakterien waren allerdings 30.000 Jahre alt. Wie kann das sein? Die meisten der heute verwendeten Antibiotika sind auf Substanzen zurückzuführen, die in der Natur vorkommen – und daher haben Bakterien auch gelernt, ihnen zu widerstehen.

Das Verhalten des Menschen beschleunigt die Entstehung und Verbreitung von Resistenzen heute durch seine globale Mobilität, einem zu häufigen Einsatz von Antibiotika vor allem in der Massentierhaltung, aber auch durch ungenügende Standards in der Herstellung.

Verunreinigte Abwässer aus indischen Fabriken etwa sorgen in den umliegenden Gewässern für Antibiotika-Konzentrationen, die weit über denen im Blut eines mit Antibiotika therapierten Menschen liegen. Jedes zurzeit bekannte Antibiotikum wird auf diese Weise eines Tages unwirksam. Die Frage ist also: Wie schaffen wir es, diesen Moment so lange wie möglich aufzuschieben?

Die globale Verbreitung der
Neu-Delhi Metallo-Beta-Laktamase (NDM-1)

Quelle: Eurosurveillance

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Durch den Austausch sogenannter Resistenzgene erwerben Bakterien beispielsweise einen Abwehrmechanismus gegen Carbapenem-Antibiotika. Diese zählen zu den letzten Mitteln, die Ärzte bei der Bekämpfung sogenannter gram-negativer Keime zur Verfügung stehen. Eines dieser gefährlichen resistenten Bakterien, das Neu-Delhi Metallo-Beta-Laktamase (NDM-1), stammt wahrscheinlich aus Indien und wurde über zuvor dort behandelte Patienten weltweit verbreitet.

Anteil finnischer Reisender, die zwischen März 2009 und Februar 2010 mit multiresistenten Erregern im Stuhl zurückkehrten

Quellen: Oxford Journals, Ärzte Zeitung

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aus Indien: 70 Prozent

aus Südostasien: 50 Prozent

aus dem Nahen Osten: 33 Prozent

Mehr als 300 Millionen Menschen reisen jährlich in Regionen mit niedrigen Hygienestandards. Ein Großteil der Reisenden kehrt mit resistenten Erregern heim. Im Falle einer Schwächung des Immunsystems könnten diese schwere Erkrankungen auslösen, auch noch viele Jahre nach der Reise. Meist wird die Darmflora besiedelt, vor allem von Bakterien mit der sogenannten ESBL-Resistenz. Ärzte mahnen, dass die weltweite Mobilität bisher nur ungenügende Aufmerksamkeit erfährt, betrachtet man die Verbreitung von Resistenzen. Die Daten in der Grafik stammen von der Universitätsklinik Helsinki, die im Rahmen einer Studie 430 finnische Touristen vor und nach ihrer Reise untersuchte.

Eine interaktive Übersicht der an Antibiotika forschenden Firmen weltweit

Quelle: Verband Forschender Arzneimittelhersteller, eigene Recherche

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Fortschritt der in Entwicklung befindlichen Antibiotika

Quelle: The Pew Charitable Trusts

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Zahl der neuen Antibiotika
in Entwicklung

Phase I – Verträglichkeit beim Menschen

8

Phase II – Therapeutische Wirksamkeit

20

Phase III – Anwendung über einen längeren Zeitraum

8

Der Wellcome Trust, eine Stiftung aus London, die medizinische Forschung fördert, analysierte 2015 in einem Positionspapier zusammen mit der britischen Regierung den Bedarf für neue Antibiotika. Als Ziel wurde die Entwicklung von mindestens 15 neuen Wirkstoffen in den kommenden zehn Jahren formuliert. Die Kosten dafür werden auf 16 bis 37 Milliarden Dollar geschätzt. Um die nötigen Forschungen anzutreiben, werden drei Schritte vorgeschlagen: finanzielle Prämien für die Entwicklung besonders notwendiger Wirkstoffe, ein internationaler Innovationsfonds, um Forschungen im Frühstadium koordinierter und zielgerichteter zu fördern sowie zentrale und öffentliche Plattformen für klinische Studien, die den Wissensaustausch und die Harmonisierung der nationalen Regulierungen vereinfachen sollen.

Besonders die frühe Förderung kommerzieller Forschung gilt als effektiv. So habe beispielsweise die Zahlung von zwei Milliarden Dollar im Jahr der Produkteinführung die gleiche Auswirkung auf die Profitabilität des Medikaments wie Umsätze in Höhe von 6,5 Milliarden in den kommenden 20 Jahren.